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Johari-Fenster

Dass selbstbewusstes Auftreten bei anderen als Überheblichkeit rüberkommt oder eine ironische Bemerkung vom Kollegen todernst kommentiert wird, gehört zu den kommunikativen Stolperfallen des beruflichen Alltags. Die beiden amerikanischen Sozialpsychologen Joseph Luft und Harry Ingham haben diese Erkenntnis in ein einfaches und in Kommunikationstrainings äußerst populäres Modell umgesetzt, anhand dessen sich Kommunikationsprobleme und gruppendynamische Prozesse erklären lassen: das Johari-Fenster...


Dabei stellen sie der Selbst- und der Fremdwahrnehmung eines Verhaltens dessen bewusste bzw. unbewusste Wahrnehmung gegenüber.

Die Wirkung eines Verhaltens lässt sich somit vier Quadranten zuordnen:

  • Im ersten Quadranten (meist links oben) befindet sich der Bereich der 'öffentlichen Person'. Unser Verhalten ist uns selbst und auch den Kollegen bzw. der Gruppe bekannt. Wir agieren weitgehend authentisch, weil unbeeinträchtigt von Ängsten und Vorbehalten. Beispielsweise braucht ein Gruppenmitglied noch einmal eine 'stille Stunde', um über eine schwerwiegende Entscheidung gründlich nachzudenken. Die anderen Gruppenmitglieder geben ihm diese Zeit, da sie wissen, dass der Kollege dann auch zu der Entscheidung 100-prozentig steht.

  • Der zweite Quadrant (rechts oben), der des 'Blinden Flecks', bezeichnet den Anteil unseres Verhaltens, der uns selbst nicht bewusst ist, von den anderen Mitgliedern der Gruppe hingegen recht deutlich wahrgenommen wird: die unbedachten und unbewussten Angewohnheiten und Marotten, die Vorurteile, Zu- und Abneigungen. Dieser Bereich wird meist auf der nonverbalen Ebene, etwa durch Gesten und Tonfall, anderen kommuniziert. Typische Beispiele sind die Körpersprache, mit der die Führungskraft zu den Mitarbeitern spricht, oder der vorwurfsvolle Ton, wenn sich ein Mitarbeiter von den Kollegen übergangen fühlt. 'Blinde Flecken' sind häufige Ursachen schwerwiegender Kommunikationsprobleme und können bis zur Isolation des Individuums aus der Gruppe führen.

  • Der dritte Quadrant (links unten) umfasst den Bereich unseres Denkens und Handelns, den wir als Intim- und Privatsphäre vor anderen bewusst verbergen. Dort angesiedelt sind Wertesystem, politische Gesinnung und religiöse Überzeugungen - aber auch die 'empfindlichen Stellen' und Schwächen, die wir zur Gesichtswahrung vor anderen verbergen. Im beruflichen Kontext kann dies zu Problemen führen, wenn z.B. eine Führungskraft Kompetenzlücken vor den Mitarbeitern verbirgt, oder im Geheimen persönliche Ambitionen konträr zu den Zielen des Unternehmens verfolgt werden.

  • Der vierte Quadrant (rechts unten) ist dagegen weder uns noch anderen unmittelbar bewusst. Hier schlummern verborgene Talente und ungenutzte Begabungen. Eine vom Betroffenen nicht zu definierende unterschwellige Unzufriedenheit mit seiner Arbeits- und Lebenssituation ist häufig der erste spürbare Hinweis auf eine unbewusste Wahrnehmung, die in der Regel meist erst durch ein Coaching oder eine psychotherapeutische Beratung auf die Ebene der Bewusstwerdung gehoben werden kann. Probleme am Arbeitsplatz resultieren in diesem Fall häufig daraus, dass ein Mitarbeiter keine rechte Motivation mehr entfaltet und damit die Leistung des gesamten Teams beeinträchtigt.

Im Beratungs- und Trainingskontext kann insbesondere die Analyse des zweiten und vierten Quadranten hilfreiche Aufschlüsse über problematische gruppendynamische Prozesse und latente Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit geben.

Durch Feedback und Hilfestellung zur Selbstreflexion werden Verhaltensweisen aus dem 'unbewussten' Bereich bewusst gemacht und damit gleichzeitig der 'offene' Bereich des Johari-Fensters vergrößert. Das kann für den Einzelnen eine positive Veränderung der Beziehungen zu anderen Menschen zur Folge haben, da die Wirkung, also das Fremdbild, vermehrt den Absichten, und damit dem Selbstbild, entspricht.

Das Johari-Fenster kann zudem für Teamentwicklungsprozesse eingesetzt werden. In einer neuen Gruppe ist der erste Quadrant in der Regel sehr klein, freies und spontanes Handeln sind die Ausnahme. Die einzelnen Gruppenmitglieder warten ab und neigen zum Verbergen (Quadrant 3). Zudem sind in einer ungewohnten Umgebung die 'Blinden Flecken' (Quadrant 2) der Teilnehmer noch wesentlich stärker ausgeprägt. Für eine rege und konstruktive Interaktion innerhalb der Gruppe ist es daher unerlässlich, möglichst schnell den 'offenen' Bereich zu vergrößern. Ein vertrauensvolles Klima kann sowohl den Bereich des 'Vermeidens und Verbergens' reduzieren als auch die Chance bieten, durch Kontakte mit anderen Gruppenmitgliedern mehr über sich selbst und seine 'Blinden Flecken' zu erfahren und damit dem Bereich des 'freien Handelns' größeren Raum zu geben.

Das Johari-Fenster lässt sich dabei nicht nur zur Analyse einzelner Gruppenmitglieder heranziehen, es lässt sich auch auf ein Team oder eine Arbeitsgruppe insgesamt anwenden. Die zentralen Fragen lauten dann:
  • Welchen sind die offen sichtbaren Verhaltensweisen und Motivatoren des Teams?
  • Durch welche 'blinden Flecken', Rituale und Sanktionen wird die Gruppenzugehörigkeit definiert und eingefordert?
  • Welche Tabus hat das Team? Worüber wird nicht gesprochen? Worüber nach außen striktes Stillschweigen gewahrt?
  • Wie verhält sich das Team nach seiner Auflösung, weil z.B. die Arbeitsaufgabe oder das Projekt abgeschlossen ist? Trifft man sich weiterhin regelmäßig? Wie spricht man im Nachhinein über die gemeinsame Arbeit?

Interessant ist eine derartige Analyse, wenn sich beispielsweise neue Mitarbeiter in ein bestehendes Team integrieren müssen und damit das bestehende Gruppenverhalten stören.

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