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Sokratisches Gespräch

Der Philosoph Sokrates war nicht sonderlich beliebt. Vermeintlich unumstößliche Wahrheiten ließ er nicht gelten, stets bohrte er nach und fand auf jede Antwort mindestens eine neue Frage. Nicht von ungefähr bezeichnet man seine Form des philosophischen Diskurses als Mäeutik, was sich am besten mit 'Hebammenkunst' übersetzen lässt...


Und so verstand er sich auch: als Geburtshelfer für neue Einsichten und Erkenntnisse - nicht oktroyiert von Autoritäten, sondern allein gewonnen auf dem Wege des eigenen intensiven Nachdenkens. Der einzige Maßstab, den Sokrates gelten ließ, war der gesunde Menschenverstand seiner Gesprächspartner. Dass er dabei durch seine provokativ-naive Fragerei mit Vorliebe die staatlichen Autoritäten bloßstellte, wurde ihm schließlich zum Verhängnis: Wegen Gottlosigkeit wurde er zum Tode verurteilt.

War Sokrates seiner Zeit einfach nur zu weit voraus? Heute würde man ihn vermutlich als Prototypen eines modernen Lernbegleiters bezeichnen, der Menschen zum selbstgesteuerten Lernen motiviert und anleitet. Denn Sokrates nörgelte nicht aus Selbstzweck: durch selbstständiges Denken sollten die Menschen Vertrauen in ihre eigene Handlungskompetenz gewinnen.

So verwundert es nicht, dass die Sokratische Gesprächsführung in vielen Kommunikationstrainings und insbesondere auch in Coaching- und Supervisions-Settings Eingang gefunden hat - selbst wenn, oder gerade weil ihre Regeln so einprägsam und selbstverständlich sind, dass sie kaum noch mit dem griechischen Philosophen in Verbindung gebracht werden.

Pragmatik kennzeichnet die Spielregeln für ein Sokratisches Gespräch:

  • Jeder Teilnehmer sagt nur seine eigenen Überlegungen, die Meinungen so genannter Autoritäten gelten nicht als Argument.

  • Das Thema wird vom Konkreten ausgehend Schritt für Schritt abstrahierend und verallgemeinernd untersucht. Ausgangspunkt des Gesprächs ist daher in der Regel ein konkretes Problem oder Beispiel aus dem persönlichen Erfahrungsbereich des Teilnehmers.

  • Die wirkliche Verständigung zwischen den Teilnehmern in der Sache hat Priorität vor dem schnellen Finden von vermeintlichen Schlussfolgerungen und Ergebnissen.

  • Es wird Schritt für Schritt vorgegangen unter Einbeziehung aller Teilnehmer.

  • Zu den im Gesprächsverlauf aufgestellten Behauptungen, Vermutungen und Fragen soll jeweils das Für und Wider begründet und geprüft werden.

  • Die Teilnehmer bemühen sich gemeinsam um Urteile, denen alle zustimmen können.

Durch den Austausch von Argumenten und Gründen gelingt es allmählich, den Wahrheitskern auch von zunächst gegensätzlich erscheinenden Auffassungen herauszuschälen. Im Sokratischen Gespräch kommt es nicht darauf an, Recht zu behalten:

Das gemeinsame Anliegen ist, zu einer besseren Einsicht zu gelangen.

Wenn die Gesprächsgruppe ein Urteil gewonnen hat, dem alle zustimmen können, ist ein Konsens erreicht. Jeder Teilnehmer kann aber einen erzielten Konsens wieder in Frage stellen, wenn er begründete Zweifel hat.

Voraussetzung für das Gelingen eines Sokratischen Gesprächs ist,
  • dass die Teilnehmer gleichberechtigt auf einer Augenhöhe diskutieren und keiner für den anderen eine Autorität darstellt.

  • Hinzu kommen die Bereitschaft, sich aktiv am Gespräch zu beteiligen, sich klar und knapp auszudrücken, den anderen Teilnehmern gut zuzuhören und zu versuchen, deren Argumente zu verstehen: Je intensiver die Verständigung unter den Teilnehmern ist, umso besser wird das Ergebnis des Gesprächs sein.

  • Dabei ist jeder Teilnehmer für die Beachtung der Regeln, aber auch für eine hinreichende Flexibilität und einen konstruktiven Gesprächsverlauf mitverantwortlich.

Um die Einhaltung der Spielregeln und Rahmenbedingungen kümmert sich in Lern- und Gruppenarbeitssituationen in der Regel der Trainer bzw. Leiter, der aus diesem Grunde das Gespräch lediglich moderiert, jedoch nicht mit inhaltlichen Beiträgen eingreift. Er kann aber die wichtigen Aussagen bzw. Gedankenschritte für alle sichtbar als 'roten Faden' schriftlich auf einem Flipchart festhalten und somit den Gesprächsverlauf lenken.

Im Rahmen eines Coachings kann der Coach auf Grundlage der oben genannten Spielregeln seinen Klienten durch gezieltes Infragestellen seiner Einstellungen und Werte zu einem inneren Dialog anregen. Der Klient stellt seine eigenen Überzeugungen auf den Prüfstand, muss sie analysieren, begründen und gegebenenfalls revidieren.

So einleuchtend diese Methode erscheint, ist die Praxis doch nicht immer leicht. Viel Geduld, Einfühlungsvermögen und Disziplin jedes Teilnehmers sind nötig. Gruppendynamische Prozesse können zu Spannungen, ja zu Konflikten führen. In einer besonderen Verantwortung steht zudem der Trainer, Dozent oder Coach, der die Rolle des Fragenden übernimmt und dabei in der Regel sehr häufig einen Wissensvorsprung gegenüber dem Teilnehmer bzw. Klienten hat. Er, der Fragende, stellt sich unwissend und verlangt von dem Gefragten, als ob dieser wissend wäre, überzeugende Antworten. Dies kann zur Bloßstellung ausarten, wenn es am gegenseitigen Respekt und Einfühlungsvermögen insbesondere des Fragestellers fehlt.

Als positive Wirkung lässt sich feststellen, das Teilnehmer im Alltag kritischer an Gesprächen teilnehmen, genauer zuhören, Phrasen in Frage stellen, weniger anfällig sind für Dogmen oder bloße Schlagworte. Das Selbstvertrauen wächst durch die Erfahrung, nicht darauf angewiesen zu sein, Urteile von Autoritäten zu übernehmen, sondern durch eigenes Denken und Argumentieren selbst zu wohl begründeten und fundierten Urteilen kommen zu können. So hat das Sokratische Gespräch als anti-doktrinäre Gesprächsform auch eine gesellschaftspolitische Dimension: Sie fördert die Mündigkeit.

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