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Unternehmenstheater

Um die Wirkung des Theaters auf das Publikum wussten schon die alten Griechen: Über den Weg der Verfremdung und Inszenierung sind Menschen eher bereit, sich für neue Sicht- und Verhaltensweisen zu öffnen - auch und gerade, weil das Theater nicht nur an die Ratio appelliert, sondern bewusst die emotionale Ebene des Zuschauers einbezieht. Theater als Vehikel zu nutzen, um Verhalten und Einstellungen von Mitarbeitern in Unternehmen zu reflektieren, liegt somit eigentlich auf der Hand. Trotzdem ist Unternehmenstheater ein noch recht junges Instrument zur Personal- und Organisationsentwicklung...


Beim Unternehmenstheater tritt der künstlerische Wert der Darbietung in den Hintergrund, es verfolgt vielmehr einen klaren Zweck:

  • Kommunikationsblockaden unter den Mitarbeitern sollen aufgebrochen, Konflikte aufgedeckt, Fehlverhalten, Ängste und Tabus angesprochen werden.

  • Auf der Bühne kommen Dinge zur Sprache, die von den Mitarbeitern im Alltag zwar häufig gedacht, aber nicht ausgesprochen werden.

  • Das Unternehmenstheater fungiert als Eisbrecher, indem es Mitarbeiter sensibilisiert ohne sie vorzuführen.

Die Bandbreite der Einsatzmöglichkeiten ist dementsprechend groß: Sie reicht vom fertig inszenierten Theaterstück, das mit professionellen Schauspielern vor einem großen Publikum aufgeführt wird, bis zum Einsatz in Workshops und Trainings, bei dem Teilnehmer selbst aktiv werden und in die Handlung eingreifen. Über die jeweils passende Form entscheiden die Ausgangssituation des Unternehmens und das mittels Unternehmenstheater angepeilte Ziel:

  • Theater als Information: Auf der Bühne werden meist vor großem Publikum neue Produkte, Unternehmensleitlinien oder tiefgreifende Marktveränderungen in Szene gesetzt. Als Vorteil des Theaters gegenüber Broschüren und Videos gilt das gemeinsame Erlebnis.

  • Theater als Eisbrecher: Konflikte, über die im Unternehmen lediglich hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird, bringen Schauspieler oder Mitarbeiter auf die Bühne. Thema ist beispielsweise die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust oder der Ärger der Mitarbeiter über die Unternehmensleitung. Die Aufführung soll vor allem die Diskussion im Unternehmen anregen.

  • Theater als Verfremdung: Eine neue Sichtweise auf bekannte Sachverhalte kann bekanntlich Wunder wirken. Ein Theaterstück, das die Abschaffung einer Abteilung als Mord oder die bewahrenden Kräfte im Unternehmen als Mutter darstellt, will durch Irritation den Blick für neue Lösungswege schärfen.

  • Theater als Vorbild: Theater ist Teamwork. Wer die Entstehung eines Theaterstückes - von der Idee bis zur Aufführung - miterlebt hat, soll die Zusammenarbeit einer Gruppe mit anderen Augen sehen können.

  • Theater als Probebühne: Beim Improvisations- und Mitmachtheater sollen verschiedene Handlungsalternativen gegenübergestellt oder eingeübt werden. Auf Zuruf ändern die Schauspieler ihr Verhalten oder übergeben ihre Rolle an einen Mitarbeiter, der dann das Geschehen mitbestimmt.

Als Trainingsinstrument unmittelbar geeignet ist insbesondere das Mitmachtheater. Hier können Mitarbeiter auf spielerische Art und Weise neue Verhaltensweisen und Soft Skills einüben und durch unterschiedliche Rollen unterschiedliche Perspektiven einnehmen.

Sinnvoll ist der Einsatz überall dort, wo Menschen neue Wege in der Zusammenarbeit suchen. Beispielsweise können die Mitarbeiter bei einer nachgestellten Verkaufssituation den Part des Regisseurs übernehmen, der interveniert und Handlungsalternativen vorschlägt, wenn das Verkaufsgespräch ihrer Ansicht nach in eine falsche Richtung läuft. Ebenso können sie den Part des Verkäufers oder den des Kunden übernehmen.

Eine Rolle sollte indes von einem Schauspieltrainer übernommen werden, der mit seinem professionellen Gespür für menschliche Verhaltensweisen die Akteure herausfordert, ohne sie zu überfordern oder bloßzustellen. Während der Mitarbeiter in der Regel immer nur sich selbst spielen kann, kann der Profi durch seine schauspielerischen Mittel verschiedene Rollen ausfüllen. Dem Schauspieler fällt es in der Regel auch leichter, Reaktionen bei den Mitarbeitern hervorzurufen und diese zum Mitmachen zu animieren. Zudem kommt ihm die Aufgabe des Moderators zu, der die Interventionen der Zuschauer koordiniert und dafür sorgt, dass Handlungsvorschläge in die Szene integriert werden.

Das eigene Erleben auf der Bühne macht die Stärke von Instrumenten der Theaterarbeit aus. Für den Lerneffekt ist es daher wichtiger, authentische Identifikation zu bewirken, als ein brillantes Bühnenspiel zu inszenieren. Was nicht heißt, dass lediglich Szenen aus dem Unternehmensalltag nachgespielt werden müssen.

Um auch tief sitzende Konflikte zu bearbeiten, kann es hilfreich sein, die reale Ebene zu verlassen und mit Metaphern zu arbeiten - indem z.B. eine Szene aus einem klassischen Theaterstück nachgestellt wird. Neben Schauspiel- ist dann auch Trainerkompetenz gefordert, um Diskussion, Reflexion und Lerntransfer in der Gruppe steuern zu können. Zudem sollte der Trainer bzw. Schauspieler über einschlägige Kenntnisse in Gruppendynamik und therapeutischen Interventionsformen wie z.B. dem Psychodrama verfügen.

Ein wenig anders sind die Voraussetzungen, wenn eine Inszenierung mit ausschließlich professionellen Schauspielern geplant ist, die vornehmlich Informationscharakter hat und die Mitarbeiter beispielsweise auf eine bevorstehende Fusion einstimmen will. Das Unternehmen sollte in diesem Fall darauf achten, dass die Berater Verständnis für die Wirtschaftszusammenhänge mitbringen und sich auch eingehend mit der Situation vor Ort vertraut machen können. Andernfalls besteht die Gefahr, dass Klischees auf die Bühne gebracht werden: der böse Chef, die unterdrückte Mitarbeiterin, der cholerische Kunde.

Was die Kosten betrifft, liegt die Untergrenze für ein unternehmenseigenes Theaterstück bei mindestens 10.000 Euro. Je nach Bühnenbild und individuell vereinbarter Leistung des Anbieters ist die Grenze nach oben offen.

Über eines muss sich ein Unternehmen indes klar sein: Die Wirkung auf den einzelnen Zuschauer lässt sich nicht vorhersagen.

Unternehmenstheater will Denkanstöße vermitteln und keine Handlungsanweisungen. Direkt im Anschluss an das Stück Fragebögen zu verteilen und zu fragen: 'Was waren die wichtigsten drei Erkenntnisse und was wollen sie in Zukunft anders machen?' zerstört die Wirkung auf der emotionalen Ebene. Die wichtigste Nacharbeit findet im Kopf, im Herz und im Bauch der Mitarbeiter statt. Und wie der einzelne das Stück empfindet, hängt natürlich auch von seiner Einstellung ab.

Weiterführende Literatur:

  • Martina Andrecht: Partizipatives Unternehmenstheater. Theaterpädagogische Methoden in der Personalentwicklung. Akademikerverlag 2012, ISBN-13: 9783639390063, 49,00 Euro.

  • Markus Berg, Jörg Ritscher, Frank M. Orthey u.a.: Unternehmenstheater interaktiv. Themenorientierte Improvisation (TOI) in der Personal- und Organisationsentwicklung, Beltz Weiterbildung, Heidelberg 2002, ISBN: 3-407-36385-0, 24,90 Euro.

  • Peter Flume, Karin Hirschfeld u. Christian Hoffmann (Hrsg.): Unternehmenstheater in der Praxis. Veränderungsprozesse mit Theater gestalten, ein Sachroman. Gabler, Wiesbaden 2001, ISBN: 3-409-11630-3, 38.00 Euro

  • Georg Schreyögg, Robert Dabitz: Unternehmenstheater: Formen, Erfahrungen, erfolgreicher Einsatz, Gabler Verlag, Wiesbaden 1999, ISBN 3-409-11480-7, 34,90 Euro.

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